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Tageblatt, Luxemburg

5, Oktober 2004

Zum 15. Jahrestag der Leipziger Montagsdemonstrationen

Mauerbilder gegen die Mauer in den Köpfen
Von Jacqueline Deloffre

Es war im Oktober vor fünfzehn Jahren. Ein paar Hunderte, dann 10000, dann 20000, dann bis zu 70000 mutige Menschen zogen durch die Straßen. Zuallererst in Leipzig, dann in der ganzen DDR. Und brachten mit Parolen wie „Wir sind das Volk“, „Demokratie jetzt!“ die Mauer schließlich zu Fall. Von diesem „antiimperialistischen Schutzwall“ (O-Ton Walter Ulbricht im August 1961) kannten die Demonstranten, die als „sanfte Revolutionäre“ in die Geschichte eingegangen sind, nur die Ostseite: eine unüberwindbare Trennlinie aus nacktem Beton. Ganz anderes die Westseite: voller Graffitis, zornigen Sprüchen, witzigen Cartoons und Liebesgrüßen, übermalt und übersprüht, von unzähligen Händen in ein lebendiges Spiegelbild städtischen Lebens verwandelt. Ein buntes Popforum der Kommunikation, das nach der Wende auch zum Treffpunkt  einstiger Ostbürger wurde.   

Genau dieser Dialog, den etliche anonyme Passanten mit sich und anderen führten, haben Geza und Chérif, ein deutsch-französisches Künstlerduo mit Atelier in der Nähe von Castres, zu ihrem jetzigen Projekt „Mauerbilder – Esprit du mur“ inspiriert: Die Mauer – in ihrem Fall sind es mannshohe Holzpaneele – als künstlerische Projektionsfläche. An jedem einzelnen Freskoteil arbeiteten sie gemeinsam, sozusagen als eine Künstlerseele mit zwei Köpfen. Einer fing an, der andere vollendete das Bild, keiner signierte.

Für die Freskoserie, die zur Zeit in Leipzig zu sehen ist, haben sie den so genannten Geist der Mauer auf großformatige Werbeplakate übertragen, die sie als Reaktion auf die mächtige Allgegenwärtigkeit der Werbung überschreiben, übersprayen, bekleben und bemalen. Dabei geht es ihnen allerdings nicht um eine bloße Zweckentfremdung oder Verweigerung von kommerziellen Slogans, sondern um ihre Überwindung durch Vorstellungskraft und Kreativität – was an Andy Warhol oder auch die Dadaisten erinnert. So stellen die im Tandem entstandenen Collagen und Montagen eindruckvolle Bestandsaufnahmen urbanen Alltags dar. Sie greifen Themen wie Rassismus, Gewalt und Krieg, soziale Konflikte und aktuelle politische Ereignisse auf. Sie provozieren, rufen zur Konfrontation und zum Gespräch auf.

Gegenwartskunst in einem Stadtgeschichtlichen Museum zu präsentieren, das mag für manche ungewöhnlich sein“, gesteht Volker Rodekamp, der Leiter des Hauses. „Wir wissen aber um die jüngsten Umfragen, die besagen, dass viele Menschen sich die Mauer wieder wünschen. In Leipzig, der Stadt, von der damals alles ausging, gehört diese von den Mauererfahrungen genährte Kunstform an einen Ort, der sich der Erinnerung, der Vergangenheit und dessen Bewältigung widmet“. Ob die Exponate  über ihre künstlerische Anziehungskraft hinaus dazu beitragen können, die Mauer in den Köpfen zu überwinden, bleibt natürlich offen. Auf jeden Fall ist diese Ausstellung eine eigenwillige Art, dem 15. Jahrestag der Leipziger Demonstrationen zu gedenken. Auf jeden Fall auch lobenswert.   

Inzwischen haben Geza und Chérif Kontakt mit dem Nahen Osten aufgenommen, denn ihr Abenteuer würden sie gern fortsetzen, und zwar auf der Mauer, die Israel zwischen Israelis und Palästinensern errichtet.

Geza & Chérif, Mauerbilder – Esprit du Mur. Bis 31. Oktober im Neubau des Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Dienstag-Sonntag, 10-18 Uhr.

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